Als Redakteur möchte man, dass die verfassten Artikel gelesen werden. Nicht immer fällt einem jedoch etwas Spannendes und Sinnvolles ein. Dann muss man etwas nachhelfen, etwa mit einer Überschrift, die neugierig macht. Als zwar harmloses, aber dennoch negatives Beispiel, möchte ich einen Artikel von Chip.de mit dem Titel „Eigentlich die beste Office-Alternative: Haben die Macher dieser Software aufgegeben?“ vorstellen.
Das im Titelbild Libre Office zu sehen ist, kann kein Zweifel daran bestehen, dass es um das freie und kostenlose Büropaket Libre Office geht. Woraus schließt der Autor, das die Entwickler von Libre Office aufgegeben haben?
„Die Suite wurde seither stetig weiterentwickelt, um den Anforderungen im modernen Büroalltag zu entsprechen. Doch kurz nach dem Jahreswechsel hat sich das vielleicht drastisch geändert – und die Software könnte von Microsoft komplett abgehängt werden.“
Quelle: https://www.chip.de/news/Eigentlich-die-beste-Office-Alternative-Haben-die-Macher-dieser-Software-aufgegeben_182890489.html
Es hat sich also „vielleicht“ etwas drastisch geändert. Was es mit dieser Änderung auf sich hat, wird nachfolgend kurz beschrieben. Libre Office erhält ab 2024 neue Versionsnummern. Auf 7.6 folgt 24.2 und es soll von nun an „nur“ noch zweimal jährlich ein Update erscheinen. Allerdings war das bisher auch schon so. Meist im Februar und August jeden Jahres gab es in Update, beispielsweise 7.0 im August 2020, dann 7.1 im Februar 2021, 7.2 im August 2021, 7.3 im Februar 2022 und so weiter (siehe https://en.wikipedia.org/wiki/LibreOffice). Der Update-Zyklus kann also kein Indiz dafür sein, dass die Entwickler „nicht mehr so viel Energie investieren, um die Suite auf dem neuesten Stand der Technik zu halten“, wie es im Artikel heißt.
Wenig Neues in Libre Office?
Es gibt allerdings einen Beleg für die Aufgaben, auf die sich die Entwickler in Zukunft konzentrieren:
„LibreOffice is the only open source office suite for personal productivity which can be compared feature-by-feature with the market leader. After twelve years and five release cycles – code cleaning, code refactoring, polishing the user interface, extending to new hardware and software platforms, and optimizing interoperability with OOXML to support users – it is increasingly difficult to develop entirely new features, so most of them are refinements or improvements of existing ones.“
Quelle: https://blog.documentfoundation.org/blog/2023/08/21/libreoffice-7-6-community/
Man beachte aber die Feinheiten: „to develop entirely new features“, also komplett neue Funktionen. Man kann sich fragen, welche das denn sein sollten? Sehen wird uns die Konkurrenz Microsoft Word und Excel an, können wir auch hier in den letzten Jahren kaum neue Funktionen entdecken.
Der Autor des Chip-Artikels merkt an: „[…] und der [Stand der Technik] entwickelt sich dank generativer KI sehr schnell weiter. Ob LibreOffice da mit den begrenzten Ressourcen mithalten kann?“ Wahrscheinlich nicht. Aber sind die KI-Funktionen in Microsoft 365 tatsächlich Office-Funktionen? Eher nicht. Die KI-Assistenz kann man sich auf zahlreichen Wegen holen, ohne dass etwas davon in die Office-Programme integriert werden muss.
Oder gibt es doch etwas Neues in Libre Office 24.2?
Jetzt kommt der Chip-Artikel zu seinem Thema: „Die Änderungen nach dem aktuellen großen Versionssprung sind zwar vielzählig, jedoch eher marginal.“ Danach erfolgt eine Aufzählung der Änderungen. Im Kasten unter dem Beitrag heißt es:
„Es scheint, als hätten viele Nutzer Vorbehalte gegenüber Alternativen zu Microsoft Office. Diese sind absolut unberechtigt, wie LibreOffice aufs Neue beweist. Immer neue Funktionen, eine enge Bindung zur Community und regelmäßige Bugfixes zeigen die Leidenschaft, mit der die Entwickler die Suite optimieren.“
Quelle: https://www.chip.de/news/Eigentlich-die-beste-Office-Alternative-Haben-die-Macher-dieser-Software-aufgegeben_182890489.html
Das passt nicht ganz zu den vorher getroffenen Aussagen. Entweder arbeiten die Libre-Office-Entwickler nur noch mit wenig Energie an der Weiterentwicklung oder es gibt eine Leidenschaft der Entwickler. Es handelt sich aber vielleicht um einen Standardkasten, der unter jedem Libre-Office-Beitrag erscheint.
Die Enttäuschung der Leser ist vorprogrammiert
Der Artikel müsste eigentlich die Überschrift tragen „Was ist neu in Libre Office 24.2 – und warum heißt das jetzt so“, was positiv, aber wenig spannend wäre. Wie man von der „BILD“ lernt, verleiten emotionale Überschriften eher zu einem Klick. Im Computerjournalismus bietet sich dafür aber nur selten Gelegenheit. Man kann aber immerhin mit Defiziterwartungen arbeiten, in diesem Fall mit „Haben die Macher dieser Software aufgegeben?“. Ein Fragezeichen ab Schluss entschuldigt alles. Die Frage lässt sich mit Ja oder Nein beantworten, je nach Sichtweise. In diesem Fall aber eindeutig mit Nein.
Wer einmal mit negativ formulierten Überschriften gearbeitet hat, weiß das Stilmittel zu schätzen. Aus der letzten Zeit: „Dieses beliebte Programme streicht Microsoft aus Windows 11“ (ein völlig unwichtiges Programm natürlich, für das es ausreichend Ersatz gibt). „Diese Sender können Sie bald nicht mehr empfangen“ (völlig unbekannte und nebensächliche Sender).
Man darf gespannt sein, wie lange sich die Spannung mit Clickbait-Überschriften, die im schlimmsten Fall zu Doom-Scrolling führen, noch aufrecht erhalten lässt. Klar, der Leser hat immer die Befürchtung, ein Aufregerthema zu verpassen oder einen Verlust zu erleiden. Ich hoffe jedoch, dass die ständige Enttäuschung dabei, die Clickbaits irgendwann abschleift.







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